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DER TAGESSPIEGEL

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Der Ruhm ist verblasst, doch die Obessionen bleiben

 

28.03.2013

Von UDO BADELT

 

Die beiden Tänzer Yoshiko Waki und Osvaldo Ventrigilia, langjährige Mitstreiter von Johann Kresnik, werfen sich in den Kampf.

 

VOLKSBÜHNE Christoph Klimke und Johann Kresnik erzählen in „Villa Verdi“ von gealterten Bühnenstars, die mit einer Gala ihr Heim vor dem Ruin retten wollen.

 

Zwei Jahre vor seinem Tod 1901 hat Giuseppe Verdi verfügt, dass mit den Tantiemen aus seinem Werk bis Ablauf der Schutzfrist ein Altenheim für Opernsänger und Musiker unterstützt werden soll: die „Casa Verdi“ in Mailand. Sie ist noch heute in Betrieb. 1984 drehte Daniel Schmid einen Dokumentarfilm, „Il Bacio di Tosca“, über dieses Haus und seine Bewohner. „Davon haben Hans und ich uns direkt anregen lassen“, erzählt Christoph Klimke. „Seither wollten wir diese Geschichte auf die Bühne bringen.“ Jetzt können sie den Plan endlich realisieren. Am 24. April hat an der Volksbühne „Villa Verdi“ Premiere – frei nach Schmids Film.

Christoph Klimke ist Autor – und „Hans“, das ist Johann Kresnik, legendärer österreichischer Choreograf und Regisseur, mit dem Klimke seit vielen Jahren regelmäßig zusammenarbeitet.

Worum geht es? Vordergründig um eine fiktive Villa, in der gealterte ehemalige Schauspieler, Sänger und Tänzer zusammenleben. Um ihr Zuhause zu retten, müssen sie eine große Gala organisieren, denn die Politik will es schließen. Eigentlich aber geht es um das Drama das Altwerdens, um die Träume, Illusionen, Erinnerungen, die sich wie Mehltau auf das eigene Ich legen, und um den Selbstbetrug, der dabei langsam um sich greift.

Rund 50 Personen, ein Streichquartett eingeschlossen, werden auf der Bühne sein, viele davon mit eigenem Schminktischchen. Diese Tischchen sind die schützende Hülle der Figuren, in ihnen ist alles gesammelt, was ihr Leben ausgemacht hat. Besonders authentisch wird die Produktion dadurch, dass die Darsteller selbst im reifen Alter sind, sich also (fast) selbst spielen. Ilse Ritter zum Beispiel, oder der Countertenor Jochen Kowalski. Die beiden Tänzer Osvaldo Ventriglia und Yoshiko Waki gehörten lange Kresniks Ensemble an. Der Argentinier kennt den Choreografen seit 22 Jahren: „Für uns ist es so etwas wie ein Klassentreffen“, sagt er, „wir freuen uns sehr, wieder mit Johann arbeiten zu können.“ Dann proben sie einen langsamen Pas de deux, den sie im Stück tanzen werden, während Jochen Kowalski eine traurige Arie singt.

Ist Altern für Künstler besonders schlimm? Weil sie die Triumphe von früher kennen, die Augenblicke flüchtigen Glücks auf der Bühne? „Für Balletttänzer gilt das auf jeden Fall“, meint Klimke, „da ist ja mit 30 Schluss. Im Tanztheater ist es anders. Und Hans als einem der wichtigsten Protagonisten des Tanztheaters war immer die Persönlichkeit wichtig, nicht das Alter.“ Trotzdem gibt es ein Problem an deutschen Theatern. Klimke schildert, dass es noch vor 20 Jahren völlig selbstverständlich war, drei Generationen im Ensemble zu haben. „Heute gibt es am Theater keine älteren Schauspieler mehr.“ Noch nur Junge – billig und willig. Und braucht man wirklich mal einen reiferen Darsteller, wird er eben dazugekauft. In einer alternden Gesellschaft, die neben jungen Schauspielern vor allem auch sich selbst auf der Bühne sehen will, ein ziemlich fataler Trend. Insofern geht es in „Villa Verdi“ nur scheinbar um schrullige Rentner. Eigentlich ist es eine hochaktuelle Produktion.

 

UDO BADELT

Premiere 24.4., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 26.4., 19.30 Uhr

 

 

 

 

 

Das Magazin NR.12 THEATER BONN

 

Er ist nicht nur der dienstälteste Tänzer des Choreographischen Theater Johann Kresnik – und zwar seit 14 Jahren -, sondern auch mit Kopf und Herz das Zentrum des Tänzerensembles. Sein Auftreten und seine Erscheinung, auch privat, sind ein ästhetisch brillantes Zusammenspiel von Gestik und Mimik

Und es ist genau das, was ihn schon als jugendlicher am Tanz fasziniert hat: die Synthese von Technik und Kunst als Ausdrucksform. Kein Wunder also, dass er sich – in Buenos Aires aufgewachsen – gleichzeitig als Tänzer und Naturwissenschaftler (Elektrotechnik und Mathematik) ausbilden ließ. Natürlich strebte er auch den Beruf des Mathematiklehrers an, um seinen Vater zu beruhigen, der es nur ungern gesehen hätte, dass sein Sohn sich ganz und gar einer „brotlosen Kunst“ hingibt, es aber dennoch respektierte, dass sein Sprössling Tänzer werden wollte.

Osvaldo Ventriglia absolvierte seine Tanzausbildung am Taller de Danza Contemporanea des Teatro Municipal General San Martin in Buenos Aires, das ihn

nach seinem Abschluss als Tänzer engagierte. Dort arbeitete er von 1981 bis 1990 und wirkte gleichzeitig am Teatro Colon und bei freien Tanzcompagnien in seine Heimatstadt mit. Schon gleich zu Anfang seiner Tänzerkarriere begann er eigene Tanzabende zu choreographieren. Den Beruf als Mathematiklehrer musste er schon bald aus Zeitgründen aufgeben.

Der Tanz als Künstlerische Ausdrucksform ist ihn nicht ästhetischer Selbstzweck, sondern für ihn die einzig wahre Sprache, sich individuell auszudrücken.

Zumal aufgewachsen in einer Diktatur bot der Tanz einen wirksamen Schutz vor Zensur und ermöglichte einen größeren Spielraum künstlerischer Entfaltung.

Freiheit und Tanz bildeten und bilden für ihn ein unzertrennliche Einheit.

Das bedeutet gleichzeitig, dass er dem Klassischen Ballett mit festgelegten Schrittfolgen und Figuren wenig abgewinnen kann.

Um so mehr war es für ihn eine Offenbarung als er 1988 SYLVIA PLATH an seinem Theater als Gastspiel des Choreographischen Theaters Johann Kresnik sah: politische Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen mit den Mitteln des modernen Tanzes. Das gab es in dieser Form in Argentinien bis dahin nicht zu sehen. Als er dann zwei Jahre später ein Stipendium der FUNDACION ANTORCHAS, Buenos Aires erhielt, das erstmals an einen Tänzer verliehen wurde, um sich im Ausland weiterzubilden, war klar, dass er zu Johann Kresnik nach Bremen pilgerte. Als Neuling musste er dort erst eimal bei Kresniks Inszenierung von KÖNIG LEAR hospitieren. Bereits zum Ende der Spielzeit gab ihm Johann Kresnik die Gelegenheit, den Solotanz TOTER GEBOREN zu choreographieren.

Im Anschluss daran wurde er Ensemblemitglied des Choreographischen Theaters.

Seine erste Solopartie tanzte er in FRIDA KAHLO, worin er in der letzten Spielzeit am TEHATER BONN zu bewundern war. Als das Choreographische Theater Johann Kresnik 1994 an den Rosa-Luxemburg-Platz nach Berlin zog, fand Osvaldo Ventriglia, nachdem er sich in deutscher Kultur und Sprache eingelebt hat, die Zeit seine eigenen Choreographien weiter voran zu treiben. So inszenierte und choreographiere er unter anderem 1998 im Prater der Berliner Volksbühne SCHATTEN und 1999 ANATOMIE DER KÖNIGE für den Zyklus ROSENKRIEGE.

Vorerst widmet er sich erst einmal dem leben von Francisco José de Goya in Kresnik GOYA – Inszenierung.

 

Dr. Jochen Zulauf

Leiter Der Presse - Und

Öfentlichkeitsarbeit

 

 

 

 

 

Kultur Magazin Der Theatergemeinde BONN

NR 7

 

 

Elisabeth Einecke-Klövekorn trifft Osvaldo Ventriglia

 

Picasso, Goya und der geheimnisvolle Zigeuner Melquiades

 

Der große Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez gehörte schon zur Schullektüre des argentinischen Tänzers, Schauspielers und Choreographen Osvaldo Ventriglia. "In meiner Heimatstadt Buenos Aires wurde dieses bahnbrechende Werk der südamerikanischen Literatur ja auch 1967 zum ersten Mal veröffentlicht", sagt" er stolz und fängt gleich an zu schwärmen von den aufregenden, endlosen Nächten im Theaterviertel der argentinischen Hauptstadt, die ihn in den 80er Jahren dauerhaft mit dem Bühnenvirus infizierten. Politische und wirtschaftliche Krisen haben Argentinien seitdem überrollt, und Ventriglia hat sich längst in der deutschen Tanzszene etabliert. "Meine Familie ist heute das internationale Ensemble von Johann Kresnik; wir wechseln problemlos die Sprachen und arbeiten immer gemeinsam an einer unverwechselbaren Körpersprache." Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch und Deutsch ("Das war echt schwierig zu lernen") spricht er beneidenswert fließend und amüsiert sich, wenn seine Familie in Argentinien gleich mehrere Akzente bei seiner Muttersprache wahrnimmt. Wenigstens einmal im Jahr besucht er sie: "Schon um zu sehen, wie meine drei Neffen in dieser turbulenten Gesellschaft groß werden, und damit sie ihren tanzsüchtigen, glatzköpfigen Onkel nicht ganz aus den Augen verlieren."

In mehr als 20 Inszenierungen von Johann Kresnik hat er seit 1991 mitgewirkt und ist damit im Ensemble des neuen Bonner Choreographischen Theaters derjenige, der am längsten mit dessen Leiter zusammenarbeitet. Nein, der Senior der Compagnie will der kraftvolle und eigenwillige Tänzer deshalb noch lange nicht sein, wohl aber sein künstlerisches und ganz persönliches Erfahrungspotenzial einbringen, von dem auch die deutlich Jüngeren zehren können. In "Picasso" war er als eine der solistischen Verkörperungen des Malers zu sehen, in "Frida Kahlo" als Ensembletänzer, was hier immer auch solistische Herausforderungen bedeutet.

Bei der Uraufführung von "Hundert Jahre Einsamkeit", für die bei unserem Gespräch gerade die Bühnenproben begonnen haben, hat er eine klar definierte zentrale Rolle. Er spielt den alterslosen, geradezu biblischen Zigeuner Melquiades, der den Ahnherrn der Familie Buendia mit seinen Erfindungen verrückt macht, als Totgesagter immer wieder auftaucht und in geheimnisvollen Schriften das Ende der Geschichte weissagt. Ein Wahrsager-Zauberer - darin liegt auch eine Menge von Ventriglias eigener künstlerischer Existenz. "Tanz ist ein Kreislauf, bei dem sich in den Wiederholungen immer ein paar Segmente verwandeln und Körper neue Gestalten erfinden - mal pathetisch und mal einfach als Spiel mit Gefühlen und gesellschaftlichen Aussagen."

Angefangen hat sein künstlerischer Sturmlauf mit einer Tanzausbildung am Teatro San Martin in Buenos Aires, dem wichtigsten Zentrum für modernen Tanz in Argentinien. Zum intensiven täglichen Training gehörten auch Schauspiel und Choreographie. Nebenher hat er noch eine Ausbildung zum Elektronikingenieur absolviert: "Weil meine Eltern wollten, dass ich auch was Anständiges lerne." An einer Bildhauerschule hat er nach dem ersten Studienabschluss Körperausdruck gelehrt. "Das war toll, lauter offene Ateliers, wo man anderen Künstlern über die Schulter schauen konnte und einen neuen Blick für die eigene Kunst bekam."

Seine Begeisterung für das moderne deutsche Tanztheater begann damals schon. Renate Schotelius nennt er als eine seiner wichtigsten Lehrerinnen, Gastspiele von Pina Bausch und Susanne Linke haben ihn fasziniert. Und eben auch Johann Kresnik, der damals mit "Sylvia Plath" in Südamerika für Aufsehen sorgte - 1997 hat Ventriglia an der Berliner Volksbühne dann selbst in dieser Produktion getanzt. Außerdem interessierte er sich von Anfang an besonders für das Musiktheater von Berthold Brecht und Kurt Weill ("Vielleicht haben wir uns in Südamerika damals mehr mit europäischer Theatergeschichte beschäftigt als die jungen europäischen Tänzer heute."); schon 1988 hat er am Teatro Colon, der großen klassischen Bühne in Buenos Aires, mitgewirkt an einer erfolgreichen "Dreigroschenoper" und am "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny".

"Ich habe schon früh auch die deutschen expressionistischen Dichter in allen Übersetzungen gelesen, die ich kriegen konnte, und war regelrecht infiziert von dieser Sprach kraft und politischen Widerständigkeit. Natürlich wusste ich, dass ich das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland nicht mehr wieder finden würde, aber zu diesen Ursprüngen wollte ich irgendwie schon."

Dass aus einem Traum eine neue Heimat wurde, grenzt an ein kleines Wunder, ist aber sicher kein Zufall. Als die renommierte argentinische Stiftung Fundacion Antorchas, die eigentlich den wissenschaftlichen Austausch förderte, zum ersten Mal ein Künstlerstipendium ausschrieb, hat Ventriglia sich einfach beworben und prompt vor einer hochkarätigen internationalen Jury bestanden. 1990/91 ermöglichte ihm dieses Stipendium die Weiterbildung als Tänzer und Choreograph in Deutschland. "Ich bin wie wild herumgereist, um so viel wie möglich zu lernen. Kresnik hat mich in Bremen ganz spontan als Hospitanten in seine Arbeit integriert und schnell als Tänzer engagiert. Mit ihm bin ich dann von Bremen nach Berlin und jetzt nach Bonn gezogen." Die Stadt am Rhein gefällt ihm nicht nur wegen ihrer irgendwie südlichen Atmosphäre und des milden Klimas ("Ich merke, wie das meine Muskeln lockert."), sondern vor allem wegen des Publikums ("Es ist toll, wenn mich Leute beim Einkaufen im Supermarkt erkennen und gleich ein Gespräch anfangen.")

Neben seiner Ensembletätigkeit weist seine Biographie zahllose eigene Inszenierungen, Choreographien, Tanz-, Schauspiel- und Filmarbeiten aus. Was ihn in seiner vielfältigen Karriere besonders beeindruckt hat? "Unser großer Erfolg mit Kresniks Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" bei den Salzburger Festspielen 2003 und unser Gastspiel mit "Frida Kahlo" 1995 bei einem großen Festival in Mexiko, wo ich bei dieser Gelegenheit übrigens zum ersten Mal war und mir auf den Spuren von Frida und Diego fast die Füße wund gelaufen habe." Welche Rolle er besonders liebt? "Neben dem aktuellen Melquiades meine Facette des großen spanischen Malers Francisco Goya, der ja auch inhaltlich ein Vorläufer Picassos war. "Goya" haben wir 1999 an der Berliner Volksbühne herausgebracht. Ich freue mich schon auf die Bonner Premiere dieses Stückes in der nächsten Saison."

 

Kultur Magazin Der Theatergemeinde BONN

NR 7